Alterszahnmedizin

Die Zahnmedizin hat bis heute ein von der Medizin nahezu abgesondertes Dasein gefristet. Die Behandlung von Karies und Zahnfleischerkrankungen stellte das Hauptaufgabengebiet dar, Zahnverlust und Zahnlosigkeit wurden als normale Folgen des Alterungsprozesses angesehen. Erst durch die einschneidenden Erfolge kollektiver und individueller Präventionsmassnahmen wurde es überhaupt möglich, sich intensiver mit andern Problemen auseinanderzusetzen (Kieferorthopädie, ästhetische Zahnmedizin, Implantologie usw.)
Eine Verstärkung der präventiven Betreuung und ein allgemeiner Paradigmenwechsel von restaurativ-therapeutischen Behandlungsinhalten zu präventiv-therapeutischen ist also nicht nur aus gesundheitlichen Aspekten, sondern auch aus volkswirtschaftlichen Gründen notwendig.

Die hauptsächlich jungen Patienten in der zahnärztlichen Praxis wiesen in den wenigsten Fällen allgemeinmedizinische Probleme auf, was eine intensivere Zusammenarbeit mit der Medizin nicht nötig erscheinen liess. Die Heterogenität betagter Patienten, die sich auch in äusserst unterschiedlichen Bedürfnissen äussert, verlangt in der Alterszahnmedizin ein breiteres Wissensspektrum (geriatrische, biologische, psychologische und soziale Aspekte) sowie Ausbildung in multidisziplinärer Teamarbeit.
Es ist notwendig, dass alle Glieder des Gesundheitswesens zusammenarbeiten, einander gegenseitig ausbilden, um das Ziel einer oralen geriatrischen Kette (Gesundheitskette) zu erreichen. Hausärzte, Rheumatologen, Internisten, Psychiater, Geriater usw. müssen sich das Wissen um orale Nebenwirkungen ihrer Tätigkeit (chronische Erkrankungen, Medikamente) aneignen, um Patienten über orale Begleiterscheinungen aufklären zu können, präventive Massnahmen zu instruieren (Ernährungs-, Hygienemassnahmen) und eine eventuelle Überweisung an einen Zahnarzt vorzunehmen. (www.ergoas.de)

In der gleichen Art und Weise wurde das Zahnmedizinische Assessment (Dr. Annemarie Stolz) geschrieben und soll ebenso in die Gesundheitskette (Netzwerk) eingebunden werden nachdem ein Feldversuch gestartet wurde.
Alleinstehende Betagte wie auch Pensionäre von Altersheimen müssen zur Aufrechterhaltung der Eigenständigkeit und Wahrung ihrer Lebensgewohnheiten angehalten werden. Dazu gehört auch der regelmässige Zahnarztbesuch. Das Personal in Altersheimen sollten durch entsprechende Ausbildung in das zahnärztliche Team eingeschlossen werden und könnte mit einfachen Mitteln (Ernährungs- und Mundhygieneberatung, Instruktion, Anhalten zum Zahnarztbesuch) einen immensen Beitrag zur Erhaltung oder Verbesserung der oralen Gesundheit unabhängig lebender Betagter leisten.
 

Konsequenzen


Das alternde Gesicht in der Kunst spiegelt die Alterungsprozesse sehr präzise wider: Runzeln, Furchen, Pigmentveränderungen, Leberflecke, hervorstehende Wangenknochen und nicht zuletzt zusammengepresste Lippen, die dahinter Zahnlosigkeit vermuten lassen. Während erstere Charakteristika des alten Gesichts nach heutigem Wissensstand unausweichlich sind, wissen wir, dass Zahnlosigkeit keine logische Folge des Alterungsprozesses darstellt, dass Zahnverlust vermeidbar ist.
Prävention und Therapie von oralen Erkrankungen setzten ein fundiertes Wissen über die biologischen Faktoren voraus, die die Krankheitsabläufe beim älteren Menschen beeinflussen.
Die Wechselwirkungen zwischen oralem und allgemeinem Gesundheitszustand sowie der Einfluss chronischer Behinderungen und Krankheiten auf die Bereitschaft älterer Menschen, eine Behandlung durchführen zu lassen, müssen bekannt sein, wenn die zahnärztliche Betreuung erfolgreich sein soll.


Der künftige Zahnarzt wird über eine breitere Wissensspanne (Gerontologie), zusätzliche klinische Fähigkeiten, erweiterte kommunikative Möglichkeiten und viel Empathie verfügen müssen, um die mit einem Grossteil seiner Patienten zusammenhängenden Probleme zu erkennen und korrekt behandeln zu können. Zudem müssen die anstehenden Probleme, wie zahnärztlich Prävention und Behandlung zu (teil)abhängigen Menschen – allein stehend oder institutionalisiert – gelöst werden.
Die Zahnärzteschaft wird vor grosse, noch ungelöste diagnostische, präventive und therapeutisch-ethische Fragen gestellt werden. Die Zahnmedizin wird vermehrt im Wechselspiel von Medizin (Geriatrie), Gesellschaft, Gesundheitspolitik stehen und ihr Einsiedlerdasein aufgeben müssen.